... the pure spirit of catfishing
... the pure spirit of catfishing

Silure en Sable … von Johannes Martin

Zwei bis drei Tage vor …

eines längeren Trips beginnt wohl bei jedem Wallerangler die Phase, in der man es kaum noch schafft an etwas anderes zu denken. Themen und Geschehnisse, die nicht im direkten Zusammenhang mit der bevorstehenden Herausforderung stehen, fallen im Kopf sofort durch ein Raster und werden frühestens zwei Tage nach dem Trip wieder wichtig. Für den Moment fokussiert sich alles nur noch auf den Silure, alles andere ist in diesen Stunden nebensächlich.

Man verfällt in eine Art Anspannung, ja man könnte fast schon sagen, in eine Art Nervosität. Man weiß nie welche Gegebenheiten an den verschiedenen Gewässern auf uns warten, welche Aufgaben gemeistert werden müssen um das Ziel „Silure“ zu erreichen. Steht für Sven und mich ein Trip in den Süden Frankreichs bevor, mischt sich in diese Anspannung allerdings noch ein anderes Gefühl … die Magie der Camargue.

Langsam legt sich die morgendliche Röte der aufgehenden Sonne über die Steppe. Nach und nach, werden sie, umhüllt vom Morgennebel sichtbar. Die Gräben, die Sümpfe, die Kanäle, die vereinzelt aus der eigenartigen Vegetation ragenden, verlassen wirkenden Bauernhäuser. Die Videokamera läuft und ich bin dabei drei Wildpferde zu filmen, die gerade erschrocken ihre Köpfe aus den Grasbüscheln heben und uns genauso interessiert beobachten, wie wir sie. Im Auto herrscht Stille. Die Magie zeigt ihre Wirkung und schafft Momente, die keiner Worte bedürfen. Trotzdem weiß ich dass Sven in diesen Momenten genauso von den Impressionen überflutet wird wie ich …

Auch als wir an unseren Zielort ankommen, wird an Worten gespart. Nachdem das Auto abgestellt und Eddie aus seiner Box befreit ist, stehen wir an der Slipstelle und lassen unsere Blicke wortlos übers Wasser schweifen. Mit einem „Ganz schön niedrig…!“, beendet Sven das Schweigen und „rüttelt“ uns beide wieder „wach“.

Bonjours Monsieur …

begrüßt uns Jaques, der Chef des Campingplatzes, auf dem wir für die kommenden 14 Tage unser Basiscamp aufschlagen wollen, um von dort aus gezielt die Plätze anzufahren, an denen wir die Bartelträger vermuten. Nachdem das Boot geslippt, das Tackle für die ersten Tage verstaut ist und Eddie seine Position in der Bootsspitze eingenommen hat geht‘ s auf Platzsuche für den ersten Abend. Klar ist, wir wollen uns in der ersten Woche am maritimen Bereich festbeißen.

Zwar haben wir dort natürlich mit Salzwasser zu kämpfen …

trotzdem sind wir davon überzeugt dass es mit angepassten Methoden auch dort möglich ist Fische zu fangen. „Salz bei 4,5m“, weist mich Sven auf die gut zu erkennende Linie auf dem Echolot hin. Somit ist die Marschrichtung klar. Nach einigen Kilometern fällt uns dann plötzlich eine langgezogene Fahne, aufgewirbelten und braungefärbten Wassers entlang der überhängenden Büsche am Ufer auf.

Es ist sofort klar, dass dies nicht nur der Wind, der auf dieses Ufer drückte verursachen kann, es ist einfach zu gewaltig. Hier müssen doch Fische sein!? Und tatsächlich, beim näheren Betrachten kommen eine Unmenge von Karpfen und sogar einige Meeräschen zum Vorschein. Wenn die Welse fressen werden, dann wohl hier!

Schnell ist das Boot verankert …

die Ruten angebunden und die U-Posen gezogen. Während unsere Köderfische durchs Flachwasser wüten und wir unser wohlverdientes Feierabendbier genießen, bricht die Dämmerung über uns herein und schafft eine beeindruckende Kulisse … wieder wird nicht gesprochen. Wieder können wir uns kaum satt schauen und hören an dem, was um uns herum passiert. So beeindruckend die Sonne am Morgen aufgegangen war, genauso prachtvoll verabschiedet sie sich nun. Grillengezirpe und Froschgequake aus allen Richtungen, dazu die Silhouetten der abgespannten Ruten und das gelegentliche Klingeln der Köfis. Dazu das kühle Bier … Wahnsinn, genau deswegen sind wir hier. Nur einer stört das Schauspiel – Eddie !

Der hat, genau wie wir mit hunderten von Stechmücken zu kämpfen. Während Sven und ich schon nach einigen Minuten einsehen, dass es keinen Sinn hat sich gegen diese Biester zu wehren sieht das Eddie völlig anders. Er ist sich sicher, dass er diesen Kampf gewinnen kann und gibt sein bestes. Das einzige Problem was er hat, bzw. eben nicht hat, sind Hände, die er sicher gut gebrauchen könnte, um sich gegen die Blutsauger helfen zu können. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch und so sieht es dann aus wie eine Art zungenamputiertes Chamäleon, das verzweifelt nach Mücken schnappt.

Irgendwann mitten in der Nacht ...

Ich werde wach, aber nicht, weil ein Biss mich aus meinem Schlaf reißt, sondern weil ich pinkeln muss. Müde raffe ich mich von meiner Isomatte auf. Der Vollmond leuchtet hell, unsere Kopflampen brauchen wir heute eigentlich gar nicht. Aber warum war‘s bisher so still!? Null Aktion, null Raubgeräusche. Ich erleichtere mich, drehe mich um und mache einen Schritt in Richtung Schlafsack als es plötzlich hinter mir knallt. BISS!!! Sven ist sofort zur Stelle und zerrt seine Rute aus dem Halter.

Der erste Fisch der Tour hängt am Band, jedoch entpuppt dieser sich schnell als ein Halbstarker. Sven paddelt die Montage wieder an ihren Bestimmungsort und 10 Minuten später schnarchen wir beide wieder um die Wette. Wohl gemerkt um die Wette mit Eddie! Es ist ja bekannt dass Eddie kein normaler Hund ist, aber dass dieses Tier tatsächlich auch noch schnarchen kann wie ein Mensch hätte ich niemals erwartet. Es ist eben wie Sven immer sagt: “Dieser Hund ist komisch.“

Klatsch, reißt es Svens Köfi von der Oberfläche in die Tiefe …

Ich öffne meine Augen und sehe Sven zu seiner Rute hechten. Der Anhieb sitzt und diesmal scheint der Fisch etwas besser zu sein denn er nimmt direkt Schnur. Es ist bereits hell und meine Augen müssen sich erstmal ans Tageslicht gewöhnen während ich den Peli öffne und die Kamera anschmeiße. Der Drill verläuft hektisch. Unter dem Boot schießt der Fisch hin und her und erzeugt einen guten Schwall nach dem anderen an der Oberfläche. Trotzdem haben wir den Fisch noch nicht gesehen. Wir vermuten einen richtig guten Fisch und plötzlich steigen erste Luftblasen auf. Nun kommt er hoch, aber was ist das? Durch die Kamera sehe ich einen schönen Fisch, der aber niemals die Ausmaße hat um solch einen Kampf zu bieten? Oder etwa doch!? Verblüfft greife ich den Fisch und ziehe ihn ins Boot. Das Messen ergibt 1,76m. Ungläubig schauen wir uns an. Wie konnte ein Fisch mit „nur“ 1,76m so kämpfen? Kopfschüttelnd und grinsend lichten wir den Fisch ab und setzen ihn zurück.

Der Anfang war also gemacht …

Die darauffolgenden zwei Nächte befischten wir einen anderen Platz, dieser brachten uns allerdings nur einige kleinere Fische ein, sodass wir erneut den Platz wechselten. Da wir diesmal vom Ufer aus fischen wollten, mussten wir heute zwangsläufig zurück zum Campingplatz, um dort unsere Liegen und etwas zu essen nachzuladen. Auch einen Teil der 55kg Partikel, die wir für unser Projekt „Männerköderfisch“ mitgebracht haben wollten wir einladen, um unseren Futterplatz anlegen zu können.

Am Campingplatz angekommen …

traf Sven einen alten Bekannten namens Jean-Yves, den er im vergangenen Oktober durch Zufall kennengelernt hatte. Mit unserem etwas eingerosteten Schulfranzösisch und allerhand Gesten schafften wir es uns zu verständigen und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Jean Yves und seine Freunde verbrachten zeitgleich mit uns zwei Wochen in der Camargue und ich nehme es mal vorne weg: Es entstand eine richtige Freundschaft. Es machte einfach Spaß sich mit diesen Leuten auszutauschen, ihre Einstellung zum Fischen kennenzulernen und ihr Lebensgefühl mitzuerleben.

Immer wenn wir einen „Nachladestop“ im Camp einlegten gab’s einen kleinen Smalltalk über aktuelle Geschehnisse und Fänge der letzten Nächte. Manch einer behauptet gar, es hätte dabei auch mal den ein oder anderen Pasties gegeben. Außerdem lernten wir an diesem Morgen Tom kennen. Er hatte seine Basis ebenfalls auf dem Campingplatz eingerichtet und dadurch, dass er Jean-Yves auch kannte kamen wir ins Gespräch. So entstand eine bunt gemischte Truppe. Tom aus Holland, Jean-Yves aus Frankreich, Sven, Eddie und ich als deutsche Vertreter. Als sich dann noch Jaques und „La Madame“ dazugesellten war die Runde perfekt, die unbedingt auf einem Foto für die Ewigkeit festgehalten werden musste.

Nachmittags machten wir uns dann auf den Weg zu unserem neuen Platz …

Dort angekommen, fixierten wir die Ausleger und setzten die Bojen noch bevor wir das Boot entluden. Anschließend wurde das Boot geleert und der Futterplatz aktiviert. Dieser sollte auch nicht lange unbemerkt bleiben, sodass wir bis zur Dämmerung einige Runs bekamen und beim späteren Ausbringen der Montagen echte „Männerkarpfen“ anbieten konnten.

Die erste Aktion kam allerdings erst als es völlig dunkel war. Ein 1,24m langer Fisch schnappte sich eine meiner Karauschen. Dann war wieder Stille, bis irgendwann gegen 1 Uhr meine New Age ohne Vorwarnung zurückknallte. Trotzdem saß der Anschlag und der Fisch nahm sofort Fahrt auf. Da im Uferbereich einiges an Holz die sichere Landung gefährdet hätte, folgten wir dem Fisch mit unserem kleinen Beiboot. Der Fisch kämpfte kraftvoll und zog ein ums andere Mal kräftig Schnur von der Rolle.

Nach langem Hin und her konnte ich ihn aber doch an die Oberfläche befördern und im Licht unserer Kopflampen erschien die Erklärung für die harten Fluchten des Fischs. Der Wels war außen gehakt, im Rücken, ein Stück hinterm Kopf. Deshalb konnte er diese enorme Kraft aufbringen und uns erneut vergebens von einer Granate träumen lassen. Nach einer Glanzlandung von Sven zeigte das Maßband 1,81m.

Am Morgen mussten wir wieder zurück ins Camp …

Wasser holen, was man nicht im Kopf hat, hat man eben im Tank. Sven übernahm das und ich versuchte derweil einige Köfis zu batschen. Ne halbe Stunde später kam Sven zurück. In der Zwischenzeit konnte ich 2 schöne Karpfen und ne schöne Karausche verhaften. Sven hatte die Nachricht im Gepäck, dass Erik und sein Sohn, die wir ebenfalls auf dem Campingplatz kennengelernt hatten wenig später zu uns stoßen würden. Ihnen waren auf Grund ihres kleinen Bootes und der geringen Motorisierung die Hände gebunden, wodurch sie ihr Glück tagelang am Campingplatz versuchten.

Leider vergeblich. Deshalb boten wir ihnen an, vorbeizukommen, da wir ja ohnehin noch einen Fisch am Seil hatten und Eriks Sohn sollte beim Fotomachen helfen. Gesagt, getan. Kurz nach Sven trudelten die beiden ein und wir schossen einige schöne Fotos. Nach einem „Fotosessionabschlussbierchen“ verabschiedeten wir die beiden, die tags darauf ihre Heimreise antreten sollten.

An Abreise war für uns noch längst nicht zu denken …

aber da die weiteren beiden Nächte bis zum Samstag nur kleine Fische brachten hieß es wieder Sachen packen und weiter. Der Platz für den wir uns nun entschieden war eine Außenkurve mit viel Struktur. Auch hier befestigten wir die Ausleger bevor wir am Ufer anlegten. Am Platz angekommen legten wir zuerst mal einen schönen Mais-Weizen-Teppich in 2,5m Tiefe an und machten die Karpfenruten scharf. Die Wallerruten konnten wir noch nicht ausbringen, da die Hausboote an diesem Tag echt die Hölle waren.

Gegen 7 wurden wir dann aber doch unruhig. So langsam sollten die Ruten nun doch an ihren Platz, aber das Risiko von einem Hausboot die kompletten Montagen abgeräumt zu bekommen war ebenfalls nicht zu unterschätzen. Und was soll ich sagen, gegen Viertel vor Acht hingen alle Ruten bis auf die letzte punktgenau an ihrem Bestimmungsort. Während des Ausbringens dieser Rute ein Ruf von Sven, den ich heute noch höre: “Hannes … Boot!!!“

Sofort lies Sven seine Montage aus dem Boot fallen …

und machte sich daran alle Vorfächer aushängen zu gehen. Ich kurbelte währenddessen eine Montage nach der anderen rein. Die Arme begannen zu brennen vor lauter Kurbeln, doch es half nichts, das Schiff kam immer näher. Gerade als ich die letzte Rute abreiße passiert das Boot unseren Platz – “haarscharf“. Jetzt war Zeit durchzuatmen, das war grade nochmal gut gegangen. Beim Blick ins Beiboot wo Sven auf die Schnelle alle Köderfische reingeladen hatte überkam einen das große Grauen. Alles voller zappelnder Köderfische, Drillinge und verhedderter Schnüre, na Mahlzeit und ein dickes DANKE an unseren Freund den Hobbykapitän.

Schneller als vermutet war das Durcheinander beseitigt und es konnte erneut losgehen. Diesmal klappte alles reibungslos und so lag der letzte Köder am Platz, als die Sonne grade auf der anderen Seite der Erde verschwand. Mittlerweile war es auch kälter geworden. Hatten wir in den Tagen zuvor warmes, sonniges Wetter, mussten wir uns nun mit Sturm, Regen und einem hoffnungslos bewölkten Himmel rumschlagen. Aber das musste ja nicht zwangsläufig schlecht sein.

Auch heute hatten wir wieder 3 Männerkarpfen auf die Reise geschickt …

Diese arbeiteten als gäb‘ s kein Morgen mehr. Für Svens 8-Pfünder gab es auch kein Morgen mehr….gegen 23 Uhr ein brutaler Biss, die Rute geht auf Anschlag in die Knie und Sven muss alles dagegensetzen, um einen vernünftigen Anhieb zu Stande zu bringen. Aber es klappt und der Fisch hängt. „Das ist ein guter“, „ja das ist ein guter“ und diese Vermutung bestätigte sich. Anfangs ließ er sich pumpen wie ein nasser Sack, doch als die Uferkante näher kam, merkte der Silure langsam was hier passierte und zeigte dass er dies absolut scheiße fand.

Einige heftige Fluchten musste Sven parieren und irgendwann zog der Fisch dann unter das am Ufer festgebundene Boot. Ich beugte mich über die Bordwand um die Schnur vom Boot wegzuhalten und so einen Abriss zu verhindern. Der Fisch drehte sich und kam zurück. Und er kam hoch. Plötzlich platzte ein mächtiger Schädel direkt unter mir aus dem Wasser. Für einen Moment war ich wie paralysiert, so einen wuchtigen Ochsenschädel hatte ich bisher noch nie gesehen. Auch der Körperbau des Fisches war der pure Wahnsinn.

Ohne abzuschlagen griff ich dem Fisch sofort ins Maul und zog ihn in Richtung Bordwand. Sven lässt die Nazgul fallen und kommt mir zur Hilfe. Gemeinsam wuchten wir das Teil über die Bordwand und fangen beide an einfach nur laut zu schreien. Was für ein Moment!!! Was wir geredet haben in diesen Sekunden weiß ich nicht mehr, aber es kann nicht besonders sinnvoll gewesen sein, denn wir waren beide wie in Trance. So eine fette Keule hatte keiner von uns beiden bisher gesehen … Wahnsinn !!!

Da ich spürte dass Sven von diesem „Trancezustand“ …

noch mehr eingenommen war als ich sagte ich ihm er solle sich erstmal hinsetzen und durchatmen. In der Zeit kümmerte ich mich um den Fisch, löste die Haken und leinte ihn an. Was für ein Moment. Überglücklich saßen wir Minuten später auf unseren Stühlen. In diesem Moment hätte alles passieren können, es hätte unserer guten Stimmung keinen Abbruch getan. Das obligatorische Wallerbier schmeckte herrlich und der trocknende Wallerschleim an den Armen spannte die Haut wunderbar. Selbst den Mücken gönnten wir in dem Moment einen kräftigen Schluck ohne nach ihnen zu schlagen. Und irgendwann sind wir dann einfach auf den Stühlen sitzend weggepennt.

Am nächsten Morgen fiel das Aufstehen trotz Siffwetters nicht schwer. Und auch die Tatsache dass außer einem kleinen Fisch in der Nacht nichts mehr ging, war halb so wild. Wir hatten ja da noch was am Seil. Kurz ne Tasse Kaffee und ab ins Wasser. Messen und Fotografieren stand auf dem Programm. Der Waller hatte allerdings gar keine Lust darauf und zerlegte Sven beim Lösen des Seils die komplette rechte Hand. Mühsam ziehen wir unsren Freund auf die Plane.

Jawooll … 

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht gratuliere ich Sven nochmals. Sein „Big One“ war gefallen und lag vor uns im Wasser. Nun musste das Ganze nur noch in die Kamera. Schnell waren einige Fotos gemacht und der Fisch verschwand wieder in seiner Rinne. Nach einer weiteren Nacht an diesem Platz, in der wir leider bis auf einige Fehlattacken keine Aktivität verzeichnen konnten, beschlossen wir erneut eine andere Stelle aufzusuchen, um dort unser Glück auf die Probe zu stellen.

Der neue und gleichzeitig letzte Platz unserer Tour …

war eine große Sandbank. Gesehen hatte ich diesen Platz schon bei zurückliegenden Touren, war jedoch bisher nie dazu gekommen ihn zu fischen. Sven hingegen kannte diesen Platz sehr gut. Nachdem wir die Ruten aufgebaut und unser Lager halbwegs errichtet war, machten wir uns daran noch einige Köderfische zu zocken. Die Wallerruten mussten sich noch ein wenig gedulden, denn zahlreiche Freizeitboote, Kanus und andere Angelboote ließen es nicht zu, die Köder frühzeitig auszubringen. Lediglich ein paar U-Posen versenkten wir ufernah. Aber wie gesagt, wir wussten die Zeit zu nutzen und stockten unseren Köderfischvorrat auf. Unter einige schöne Karauschen mischte sich auch ein genialer Karpfen, der Svens Boilie nicht widerstehen konnte.

Gegen Abend bahnte sich ein Gewitter an …

Kurz bevor‘ s ans Auslegen der Ruten geht, checken Sven und ich noch schnell die bereits angebundenen Ausleger. Manche hatten sich im Treibgut verfangen und mussten davon befreit werden, um den Aufwand beim Auslegen auf ein Minimum zu reduzieren. Das Grummeln aus der Ferne kommt immer näher. Ich knie im Sand, steche einen der Männerkarpfen und setze alle meine Hoffnungen für den heutigen Abend in diesen Köderfisch. Wind kommt auf und die ersten, aufgewirbelten Sandkörner fliegen mir in die Augen.

Das Gewitter, das vor Minuten noch weit entfernt schien ist nun genau über uns. Langsam beginnt es zu regnen. Die Spannung und die Nervosität am und im Wasser steigen stetig und alles wartet auf den ersten lauten Knall. Überall schießen Kleinfischschwärme auseinander. Die Zander rauben. Plötzlich ein lautes Klatschen mitten im Fluss. Ich drehe mich um. War das ein Waller? Das Motorengeräusch von Svens 2-Takter kommt immer näher. Er hatte gerade die erste Rute eingehängt.

Wir müssen uns beeilen, gleich geht’s los …

Jetzt beginnt es richtig zu regnen. Komplett durchnässt, schaffen wir es die Montagen innerhalb kürzester Zeit zu setzen, sodass wir auch noch das Lager sturmsicher machen und einige Sachen im Trockenen verstauen können. Nun sitzen wir unter unserem Schirm. Eddie, Sven, die Kleidertaschen, die Essenstasche und ich. Grob geschätzte 10.000 Mücken hatten sich ebenfalls zu uns gesellt. Scheinbar wollten sie auch nicht nass werden. Und wo sie schon mal da waren, begannen sie auch gleich über uns herzufallen. Selbst Eddie wurde dieser Lage, trotz ausgefeilter „Chamäleon-Technik“ nicht mehr Herr und resignierte nach wenigen Augenblicken.

Wenn ich jetzt nen Biss hab, schlag ich nicht an …

ist mir grade egal, das ist kein Waller wert“ – sage ich und keine 2 Minuten später pfeift eine meiner Ruten ab. Ich finde mich an der Rute wieder, und ich pumpe. Das Gewitter über mir und die anderen 7 Ruten stehen senkrecht um mich herum auf einer kleinen Insel mitten Fluss. Na Mahlzeit. Der Wels hatte es wieder mal geschafft den Menschenverstand in den Hintergrund rücken zu lassen und jetzt stand ich hier und tat genau das, was mir Sekunden vorher noch als absolut geisteskrank erschien.

Aber alles läuft glatt und wir begrüßen den ersten Fisch des neuen Platzes auf der Matte. Ich löse die Haken, wir legen das Seil an und zeigen dem Walli sein Nachtquartier. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Stille. Kein Wind, keine Köderfischaktion, lediglich die Frösche können sich ihr Gequake nicht verkneifen. Bei ein, zwei Bier lassen wir den Abend ausklingen und verziehen uns in unsere Schlafsäcke.

Der nächste Morgen …

Ich öffne übermüdet meine Augen. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten Spuren bei mir hinterlassen. Auch der weitere Fisch, den die Nacht noch mit sich brachte, hatte Anteil daran. Mit leerem Blick, glotze ich, noch halb im Traumland, auf die direkt vor mir stehende Rute. Der Männerkarpfen hatte versagt. „So ne Scheiße! Es ist hell, gleich müssen die Ruten ab…“, denke ich und döse wieder weg. Ein kurzes Klingeln…meine Ohren sagen „Augen auf“, aber meine Augen sagen “Fickt euch! Das geht doch schon die ganze Nacht so!“ Mein Kopf vermittelt zwischen beiden und bringt ein kurzes Blinzeln zu Stande.

Ich sehe die ruckartig nach vorne schnellende Rute und meine Ohren fangen ein Geknirsche auf, was mein Kopf meiner Penn zuordnet. In diesem Moment schaltet mein kompletter Körper auf „Alarm“, ich reiße meine Augen weit auf und das Adrenalin schießt in meine Adern. Ich hechte zur Rute und knalle dem Fisch meine Drillinge in den Kiefer. “HÄNGT!!!“ Auch Sven ist wach und beginnt zu filmen. Dass der Fisch gut ist, merke ich erst, als er in den Uferbereich kommt und beginnt sein Gewicht einzusetzen. „Kein guter Kämpfer…“, denke ich, bekomme den Fisch aber auch nicht nach oben. Noch nicht …

Die Zeit verstreicht, ich umklammere die Rute und halte den Fisch im Zaum. Sein Aktionsradius ist gering. Zehn Meter flussauf, zehn Meter flussab. Aber wie gesagt, an die Oberfläche wollte der Bursche nicht. Langsam gewinne ich Stück für Stück immer mehr Schnur. Plötzlich bildet sich unter der Wasseroberfläche ein Kontrast zwischen dem smaragdgrünen Wasser und dem, was da an meiner Schnur hängt und noch einmal in Richtung Gewässergrund abdreht. Wenig später ist sein Wille gebrochen.

Boooar, hat der ne Färbung – Krass …

schnauft Sven, als er den Fisch auf die Matte zieht. Nach kurzem Schätzen waren wir uns einig dass er Fisch wohl irgendwo um die 2,10m liegen würde. Sven legt das Maßband an.

„Und?!“

„2,27m“

„Was!?!? Ne niemals, leg nochmal an“

„Doch, 227, komm her, guck“

„Allllltääääääääääääär, wie geil!!!!!!!“

Glücklich schreien wir unsere Freude in die morgendliche Ruhe …

Auch dieser Fisch wurde schnell versorgt und dann hieß es hinsetzen, realisieren was passiert ist und nen schöööönen Kaffee trinken. Dies war der dritte Fisch für diese Nacht und jeder dieser Fische hatte etwas Besonderes. Der eben Verhaftete schrammte nur knapp an meinen bisherigen PB vorbei. Der Fisch, der mitten in der Nacht auf unsere Köder hereinfiel hatte keine Augen und war deshalb pechschwarz gefärbt.

Und der Dritte, ja der dritte Fisch hatte auch etwas besonderes. Allerdings eine eher bedauerliche Besonderheit. Er war der erste Fisch, der Sven und mir am Seil eingegangen ist. Als wir ihn zum Ablichten aus dem Wasser ziehen wollten, war er bereits komplett der Totenstarre verfallen.

In diesen Minuten fühlten wir uns total scheiße …

Wir saßen nebeneinander im Sand und starrten auf den leblosen Fisch. Was war passiert? Hatten wir was falsch gemacht? Wir wussten es nicht. Behandelt hatten wir den Fisch wie die anderen Fische, die direkt neben ihm angeleint waren. Innere Verletzungen konnten wir auch ausschließen, da der Fisch sauber gehakt war und wir ihn ohne Probleme von Haken befreien konnten.

Aus dem Wasser hatten wir …

den Fisch bisher auch nicht gezogen. Er wurde im seichten Wasser gelöst und angeleint und legte sich direkt nach dem Anleinen sauber ab. Da wir den Fisch in einer kleinen Bucht anleinten dachten wir, er könnte aufgrund von Sauerstoffmangel oder Faulgasen eingegangen sein.

Diese Vermutung zerschlug sich aber schnell, immerhin lagen die beiden anderen Fische ebenfalls dort und die waren topfit. Es konnte also nur irgendetwas stressbedingtes sein, obwohl ich das auch irgendwie nicht glauben kann.

Naja, aber wie auch immer …

Fakt ist, der Fisch war tot und er würde ganz sicher noch leben wenn wir ihn nicht gefangen hätten. Wir waren und sind Schuld am Tod des Fisches – Punkt. Und das ist scheiße. Trotzdem muss man es realistisch sehen, denn das ist genau das Restrisiko das bleibt, auch wenn man immer nach bestem Gewissen handelt und mit den Fischen umgeht. Dieser Tatsache muss man sich einfach bewusst sein, wenn man seinen Köder in die Tiefe ablässt und jeder einzelne muss für sich selbst abwägen was ihm wichtiger ist.

Die Befriedigung dieses Reizes, der uns immer wieder raus ans Wasser treibt oder das Wohlergehen der Fische – beides zusammen ist nicht unter einen Hut zu bringen und wer dies nicht akzeptieren kann, dem bleibt nichts übrig als das Angeln aufzugeben. Dass dies für mich bzw. uns natürlich niemals in Frage käme, muss ich wohl an dieser Stelle nicht schreiben …

Die zweite Nacht am neuen Platz …

kündigt sich mit einem beeindruckenden Sonnenuntergang an. Alles ist angerichtet, die Fallen sind gestellt, die beiden Angler warten gespannt auf die erste Attacke und der Hund … der schläft. Eddie hatte heute einen anstrengenden Tag und hatte mit den Spätfolgen unseres vorherigen Angelplatzes zu kämpfen. Nachdem wir durch Zufall eine Zecke bei ihm entdeckten, schauten wir mal etwas genauer hin und konnten unsren vierbeinigen Freund von über 30 vollgesaugten Schmarotzern befreien. Eine scheiß Prozedur für alle Beteiligten. Beim Lösen aufplatzende Zecken sind echt nix schönes – ätzende Viecher.

Die Dämmerungsphase bringt drei kleinere Fische mit sich. Gegen Mitternacht verziehen wir uns auf die Liegen. Am nächsten Morgen sitzen wir wieder frühzeitig auf den Stühlen. Allmählich tauscht der Mond seinen Platz mit der Sonne. Im ersten Tageslicht betrachte ich meine zerbissenen Hände. Mein rechtes Schienbein ist paniert in einer Mischung aus Wasser, Wallerschleim und Sand. Vor uns gehen drei Seile ins Wasser. In den frühen Morgenstunden hatte es noch einmal richtig geräumt. Ich betrachte mir das Vorfach, das den letzten Fisch brachte während das Kaffeewasser langsam zu kochen beginnt.

Geil gefärbt isser …

Allerdings und vor allem hat er eine Statur, die aussieht als ob er einfach 20 Zentimeter zu kurz geraten wäre.  Diese Worte beziehen sich auf einen Fisch, den Sven zwei Stunden vorher bezwungen hatte. Dieser hatte den wohl geilsten Drill der ganzen Tour abgeliefert und seine Statur glich der eines echten Ochsen. Stark ausgeprägter Kiefer, wuchtiger Schädel, richtig guter Flossensaum und komplett massiv gebaut.

Das Ganze verteilt auf 1,97m und gebündelt mit einem unglaublichen Kampfgeist. Beim Fotografieren dieses Fisches halfen uns Peter und Andreas, die zwei „Pälzer Buuuwe.“ Dafür nochmals ein dickes Dankeschön Jungs, die Bilder sind sehr schön geworden!

So neigte sich unser Trip langsam dem Ende zu ….

bis wir schließlich beide an der Slipstelle knietief im Wasser standen und das Boot auf den Trailer hievten. Der Kreis schloss sich. Zwei Wochen lagen hinter uns. Zwei Wochen, die alles beinhalteten was zu einem ordentlichen Trip dazugehört. Kleine Fische, große Fische, entspannte Phasen, Stress, das Kennenlernen neuer Gebiete, das Kennenlernen neuer Freunde, sehr gute, teilweise sehr tiefgründige Gespräche mit einem guten Freund, dummes Gespräch und letztendlich auch das Gefühl, sich auf das zu freuen was man zwei Wochen nicht hatte und nun zuhause auf einen wartet.

Die Frau/Freundin die man nur noch von SMS und Kurztelefonaten kannte, die Freunde, die zuhause bereits mit nem kühlen Weizenbier warteten, ein Hahn aus dem Wasser kommt wenn man ihn aufdreht, ne Dusche, ein Rasierer, ne Pizza und ein richtiges Bett … GEIL!!!

Bis zum nächsten Mal …

Euer