... we live the passion
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Abgetastet – C&R Lüge oder Einstellungssache

Vor ein paar Jahren habe ich für die Cats illustrated, die damals noch als Wendemagazin, zusammen mit der CHM erschienen ist, einen Bericht zum Thema Catch &  Release geschrieben. Ich habe dabei die Thematik recht umfassend beleuchtet und es wurden grundlegende Überlegungen angestellt, die auch die Gesetzeslage, die Vereinspolitik und das Vorgehen der Verbände in Deutschland mit einbezogen. Außerdem habe ich meinen Blick auf das benachbarte Ausland gerichtet und die dortige Situation geschildert.

Auf diesen Bericht bekam ich damals sehr große, meist positive Resonanz und er wurde mit großem Interesse gelesen, was mir zeigt, dass dieses Thema sehr interessant für euch zu sein scheint. Na klar, man liest es ja ständig und überall. C&R gehört zum guten Ton der modernen Anglerschaft. Wer es praktiziert und das auch öffentlich kund tut, wird gelobt und er steht in einer Reihe mit den „Guten“. Wer aber einen Fisch, egal welcher Art tötet, um ihn lecker zuzubereiten, um ihn dann mit seinen Lieben zu verzehren, wird beschimpft. Gerade im Internet wird dieser Angler dann oftmals behandelt wie ein Kinderschänder, der besser lebenslang in Haft genommen werden sollte!? Bevor ihr mich hier jetzt falsch versteht, nehme ich eines direkt vorweg. Ich möchte hier keine Lanze für das Töten von Fischen brechen. Ich befürworte und unterstütze das Zurücksetzen der gefangenen Fische sehr und ich bin froh, dass diesbezüglich ein Umdenken erfolgt, denn keine Frage, die Bestände werden uns das danken.

Dann wäre ja alles geklärt und meine kleine Kolumne könnte jetzt an dieser Stelle enden!? NEIN, das wird sie nicht, denn ich möchte hier trotzdem ein paar Denkanstöße geben, die auch zu diesem Thema gehören, die aber leider all zu oft verschwiegen werden. Das ist ja auch verständlich, denn der Mensch neigt zum Verdrängen und warum sollte man sich über Dinge Gedanken machen, die uns selbst in ein anderes, ja teilweise auch negatives Licht rücken könnten?

Ein kleines Beispiel: Ich war im letzten Frühsommer über ein verlängertes Wochenende in Frankreich auf Wallerjagt. Das Wasser hatte eine Temperatur von ca. 20 Grad und die Fische waren in Beißlaune. Direkt in der ersten Nacht konnte ich zwei schöne Welse fangen, die ich dann anleinte, um am nächsten Morgen ein paar Bilder zu machen. Immer wenn wir einen Fisch anleinen, kann dieser einen Schaden nehmen und mir passierte es schon in der Vergangenheit, dass ein Fisch am Seil am nächsten Morgen tot war. Eine Katastrophe!

Aber das kann passieren, denn der Drill und die Landung bedeuten für den Fisch immer Stress, der bei einem schwachen Gesamtzustand der Fische immer zum Tode führen kann, insbesondere wenn noch Sauerstoffmangel beim Anleinen dazu kommt. Auf diesem Hintergrund machte ich mir natürlich auch bei der besagten Session vor dem Anleinen meine Gedanken und ich prüfte genau, ob ich dieses Risiko eingehen wollte. Ich hatte direkt am Ufer eine durchströmte Rinne von ca. 5 Meter und freien Grund.

Ideale Bedingungen zum Anleinen! Ich war mir so sicher und ich konnte es am nächsten Morgen nicht fassen, als beide Fische steif und leblos zum Vorschein kamen. Was genau passiert war, kann ich nicht sagen aber sie waren eben tot. Ich wollte sie nach der Fotosession in gewohnter Manier frei lassen aber sie waren eben tot. Für immer und endgültig. Ich saß ziemlich lange schweigend vor den leblosen Fischkörpern und mir war in diesem Moment völlig klar, dass diese beiden Fische wegen mir sterben mussten.

Anders gesagt würden sie wahrscheinlich heute noch leben, wenn ich sie nicht gefangen hätte.  An diesem Beispiel wird klar, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns ständig bewegen, denn für die beiden Fische ist es völlig egal, ob ich sich releasen und niemals töten wollte. Sie sind und bleiben tot. Es macht keinen Unterscheid zu einem Angler, der sie direkt nach dem Fang getötet hätte, um sie zu essen oder sie zerhackt in eine Mülltonne zu schmeißen. Das Ergebnis ist das Gleiche. Meine gute Absicht hat dafür keine Relevanz.

 

Ich bin mir sicher, dass viele von euch auch von solchen traurigen Erlebnissen berichten können, denn es gehört einfach dazu und ich gehe davon aus, dass einige Fische, die nach dem Releasen scheinbar fit davon schwimmen, später an den Folgen von Drill, Landung, Anleinen oder Fotosession sterben. Wie groß diese Dunkelziffer ist, kann ich nicht sagen aber ich befürchte, sie ist größer, als wir alle denken und uns zugestehen wollen.

Auch das Thema Köderfisch muss in diese Diskussion um C&R mit einbezogen werden. Verwenden wir einen toten Köderfisch musste dieser sterben, weil wir einen Wels damit fangen wollen. Der lebende Köderfisch stirbt in der Regel auch bei oder nach dem Biss und ich bin mir sicher, dass er es auch sehr uncool findet, stundenlang, mehrfach gepierct, im Epizentrum seine Bahnen zu ziehen, bis er endlich von Vater Silure erlöst wird.

Egal ob wir mit lebendem oder totem Köderfisch angeln, am Ende wird der kleine Geselle sterben, wegen uns und unserer Passion. C&R ist in diesem Fall nicht möglich? Nicht notwendig? Nicht wichtig? Oder hat ein Köderfisch keine Bedeutung, weil er eine „niedere Kreatur“ ist oder weil er ja irgendwann sowieso vom Wels gefressen wird. Natürlich kann das passieren aber der kleine und feine Unterschied daran ist eben, dass wir dann an seinem Tot keine Schuld tragen. Wir sind quasi raus aus der Nummer.

Mir fällt dazu gerade ein Bild ein. Ich war dabei, einen stattlichen Wels im Wasser zu stabilisieren, um ihn kurz darauf unbeschadet davon schwimmen zu sehen. Nach ein paar Minuten stellte er seine Barteln nach vorne und verschwand dann in der Tiefe. Die Sonne machte aus dem Morgenhimmel  ein Farbspektakel, was natürlich die perfekte Kulisse für diese Situation war. Ich wollte mich gerade umdrehen, um zurück zum Ufer zu waten, als mir eine Meeräsche auffiel, die nicht weit weg von mir leblos an der Wasseroberfläche trieb. Ihr fehlten alle Schuppen, der Kopfbereich war zerfetzt und ihr fehlten beide Augen. Es war die Äsche, die mir in der Nacht den Wels gebracht hatte….

 

Manche fragen sich jetzt sicher, was ich euch hiermit eigentlich sagen möchte!? Es ist nicht meine Absicht, dass ihr jetzt darüber nachdenkt, nicht mehr auf Wels zu fischen oder alle gefangenen Fische zu töten. Nein, bloß nicht! Ich selbst bin viel zu sehr Angler aus Leidenschaft und auch ich fische weiter auf Wels, obwohl ich diese Erfahrungen gemacht habe und obwohl ich mir genau über die beschriebenen Dinge Gedanken mache. Ich finde es sehr gut und wichtig, wenn gefangene Fische zurück gesetzt werden und genauso respektiere ich Angler, die einen Fisch entnehmen, um ihn zu essen.

Mir ist es aber wichtig, dass jeder Welsangler und grundsätzlich jeder Angler sich ernsthaft, ehrlich und selbstkritisch mit dieser Thematik beschäftigt, denn jeder muss sein Handeln selbst verantworten und dafür ist eine kritische Auseinandersetzung zwingend notwendig.

Obwohl wir wissen, dass gefangene Fische sterben können und dass die Köderfische immer die Verlierer sind, können wir zumindest respektvoll, dankbar und verantwortungsvoll mit dem Wels und dem Köderfisch und generell mit der Natur umgehen. Es gibt in der Kette, angefangen vom Köderfischfang, Transport, Welsdrill, Welslandung, Anleinen, Fotosession und Releasen eine Menge Möglichkeiten, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Das kann zum Beispiel schon sein, dass man eine Fotosession im Wasser abhält, da die äußeren Temperaturen einen Landgang des Wallers zu gefährlich machen. Oder man kann seine Köderfische am Morgen ohne Biss auch mit dem Boot abhängen fahren, anstelle sie hunderte Meter gegen die Strömung zu prügeln…

Das sind jetzt nur zwei Beispiele aber ich bin  mir sicher, dass wir alle viel tun können, um die Einstellung C&R zu leben, auch mit der Gewissheit, dass es dabei immer auch Verlierer gibt.

In diesem Sinne …

(Erschienen in der CATS illustrated Ausgabe 9 # 2015)

 

HIER GEHTS ZUM 1. TEIL – C&R Gedankengänge

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Sven Dombach

Gründer von Clan Silure und Onlineredakteur